Vom Sportmuffel zum Marathonläufer

Ein Erfahrungsbericht darüber, wie ich durch Motivation unerwartete Fähigkeiten freisetzen konnte.

Meine (un-)sportliche Vorgeschichte

Nachdem ich Anfang der 90-er Jahre des letzten Jahrunderts hin und wieder mal für mich gelaufen bin, kam eine jahrelange Zeit (fast) ohne Sport. Ich entwickelte mich dadurch deutlich zu meinem Nachteil, und die dabei angefallen Lasten habe ich bis heute noch nicht völlig abbauen können.

»Ich muss etwas tun...«

Etwa im Sommer 1997 wurde mir deshalb bewusst, dass ich irgend etwas tun müsse, um wieder einigermaßen in Form zu kommen. Ich warf also erstmals einen Blick in das Hochschulsportprogramm. Ich hatte selbiges bislang (ich war seit WS 1992/93 an der Uni Bielefeld) völlig ignoriert. Mir erschien die Veranstaltung Atem- und Entspannungsgymnastik, die damals angeboten wurde, als interessant. Ich bin nämlich Chorsänger im Universitätschor Bielefeld und dachte mir, dass es sinnvoll sei, eine Sportart zu wählen, bei der die Atmung trainiert wird.

Etwa zwei Jahre später begann ich, wieder regelmäßig zu laufen. Ich kaufte mir ein Buch, in dem verschiedene Trainingsmethoden beschrieben waren. Als Trainingsstrecke wählte ich meist die Finnbahn an der Uni, für längere Strecken auch schonmal Wege durch die Bielefelder Parks. Dieses Training ergänzte ich durch lange Sonntagsspaziergänge. Es war nicht immer leicht, die nötige Motivation zu finden, aber ich schaffte es doch meist irgendwie regelmäßig dreimal in der Woche.

Im Herbst 2000 entdeckte ich dann in der Uni-Sporthalle einen Aushang, der auf ein neues Unisport-Angebot hinwies: Laufen für Anfänger und Fortgeschrittene. Ich ging zu der angekündigten Vorbesprechung, um dort von einem sehr engagiert und sympathisch wirkenden Menschen mit recht ansehnlichem, sportlich durchtrainiertem Körperbau namens Günay zu erfahren, dass es drei Gruppen mit unterschiedlichem Fortschrittsgrad geben solle, worauf ich mich für die Teilnahme ander der mittleren Gruppe entschied. Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen ahnte ich damals, welche Folgen diese Entscheidung im Laufe des nun folgenden Jahres haben sollte...

Los geht's

Eines Mittwochs war es dann so weit: das Training der neuen Laufgruppe begann. Es ging ganz ruhig los, bereits kurz nach dem Überqueren der nördlichen Universitätsstraße hielten wir inne, um uns zu dehnen. Dabei gab Günay ein paar grundsätzliche Erklärungen ab. Anschließend ging es weiter in den Gellershagenpark, wo Runden mit Steigerungsläufen gelaufen wurden. Diese führten bei mir damals zu einem tagelang anhaltenden Muskelkater.

»Gemeinsam geht es besser!«

Aber was nicht umbringt, härtet ab, so sagt man. Ich dachte mir: Das Training mag zwar ungewohnt hart sein, aber es wird schon. Ich muss nur regelmäßig dabei bleiben. Und ich hielt durch! Nach einigen Wochen nahmen erstmals einige von uns gemeinsam an einem Volkslauf in Brackwede teil, mich eingeschlossen. Ich hatte schwer zu kämpfen: es ging bergauf und -ab, und es war fürchterliches Wetter. Aber ich erreichte das Ziel. (Dies war nicht mein allererster Volkslauf, mein zuvor letzter war aber schon acht Jahre her.)

Etwa zwei Monate nach Trainingsbeginn meinte Günay dann, ich solle doch ruhig auch einmal freitags kommen. Freitags! Das hieß: mit den ganz Schnellen trainieren. Wie sollte das funktionieren? Würde ich mich nicht von denen abhängen lassen? Ich probierte es aus. Es war noch anstrengender als mittwochs, aber ich hielt mit (wenn ich auch in der Tat manchmal etwas hinter der Gruppe zurück blieb). Ich wurde schneller, meine Beine kräftiger.

Der Hermann ruft

Das alte Jahr ging, das neue kam, neue Ziele wurden gesteckt. Innerhalb der uniRenner (dieser Namensvorschlag von Ulf setzte sich ohne lange Diskussion durch, obwohl es auch noch andere Vorschläge gab) formierte sich eine Gruppe, um für den Hermannslauf zu trainieren. Im Jahr zuvor hatte ich bereits ein Plakat hierzu in der Sporthalle gesehen und war mir daraufhin sicher, dass solch lange Strecken, noch dazu mit derart bergigem Profil, für mich niemals in Frage kommen würden. Niemals war ich länger als 15 Kilometer am Stück gelaufen, und dabei hatte ich mich selbst auf flacher Strecke nach langer Zeit mühsam ins Ziel geschleppt.

»Ein großes Ziel vor Augen«

Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Insbesondere Matthias motivierte mich, doch auch zu den nun sonntags stattfinden langen Läufen zu kommen, dann würde ich das schon schaffen. Und so sollte es sein. Im Februar wurde der erste Halbmarathon anberaumt (Luisenturmlauf Borgholzhausen). Eine dicke Erkältung hielt mich davon ab. Ende März hatte ich Gelegenheit, die Distanz, allerdings auf flacher Strecke, nachzuholen (beim Dalkelauf in Gütersloh). Zu meinem Erstaunen blieb ich dabei unter zwei Stunden (für die 15 km beim Silvesterlauf Werl - Soest acht Jahre zuvor benötigte ich gerade einmal 12 Minuten weniger).

Beim Hermannslauf im April hatte ich hart zu kämpfen. Zwar waren durch die Nudelparty bei Volker die Kohlehydratreserven aufgefüllt, dennoch musste ich einige kurze Pausen einlegen, kam aber nach gut drei Stunden und sieben Minuten an der Sparrenburg an. Es war ein großartige Erlebnis. Ich war sehr geschafft, bis zur am Abend stattfindenden Party aber wieder rechtzeitig auf den Beinen (die ich mir auf dem weg dorthin auch schon wieder ausgiebig vertreten hatte). An diesem Abend wurde mir dann auch bewusst, dass uniRenner nicht nur laufen, sondern auch hervorragend feiern können.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

Nun war das große Ziel Hermannslauf erreicht. Das warf die Frage nach einem neuen Ziel auf. Unter den uniRennern fanden sich wiederum einige, die sich vornahmen, gemeinsam für den Berlin-Marathon zu trainieren. Dabei hieß es: »Wer den Hermannslauf geschafft hat, schafft auch einen flachen Marathon.« Gesagt - getan. Warum sollte ich mich nicht ein zweites Mal selbst übertreffen? Nicht dass ich jetzt übermütig geworden wäre, ich war nur motiviert wie kaum jemals zuvor. Ohne die uniRenner wäre das kaum jemals passiert.

»Der Unterschied zwischen einem Läufer und einem Jogger beträgt 42.195 Meter.«

Nachdem wir uns vom Hermann erholt hatten, ging es also los. Günay hatte einen Trainingsplan ausgearbeitet, der uns den Sommer über in Bewegung halten sollte. Bis zu sechs Tagen in der Woche waren wir nun auf den Beinen. Dabei legten wir zwei Wochen vor dem Marathon bis zu 100 km (oder sogar etwas mehr) in der Woche zurück. Mit der Länge insbesondere der Sonntagsläufe wuchs bei mir das Bewusstsein, dass ich die Marathon-Distanz tatsächlich schaffen könnte.

Und so kam es auch. Gestärkt durch ein reichhaltiges Nudelessen in der Pizzeria Caruso in Tiergarten, ging es an den Start. Bei etwa 30.000 Startern kam ich mir im Riesenfeld zwar ein wenig verloren vor, was durch die großartige Stimmung aber weitgehend kompensiert wurde. Als es dann losging und die ersten markanten Punkte der Bundeshauptstadt (Siegessäule, Brandenburger Tor) passiert wurden, stelle sich eine Art Hochgefühl ein. Das Anfangstempo wählte ich deshalb wohl meinem Trainingszustand entsprechend zu hoch ein, weshalb ich im weitern Verlauf der Strecke etwas nachließ. Das Hochgefühl kehrte aber zurück, als ich nach etwa vier Stunden ziemlich geschafft den Ku'damm erreichte. Spätestens jetzt war mir klar, dass ich mich in wenigen Minuten mit Fug und Recht als Marathonläufer bezeichnen dürfte. Ganz dem Motto entsprechend, das unterwegs auf einem Transparent über der Strecke zu lesen war: »Der Unterschied zwischen einem Läufer und einem Jogger beträgt 42.195 Meter.«

Es war wohl etwas übereilt, mich gleich hinterm Ziel auf das angebotene Freibier zu stürzen. Meinem Magen bekam es nicht. Hingegen war die ebenfalls im Zielbereich angebotene kostenlose Massage äußerst angenehm, was durch das anregende Gespräch mit dem Masseur noch unterstützt wurde. Die Bahnfahrt im ICE zurück nach Bielefeld bot erste Gelegenheit zur Enstpannung, wenn man auch leider im Zug nicht die Beine hochlegen kann. Dazu bot sich allerdings am nächsten Tag, den ich mit Baden und Saunieren verbrachte. Der Muskelkater war nach wenigen Tagen verschwunden.

Zuletzt bearbeitet: 2017-02-25 10:34:55.605913 UTC